Der ganz normale Wahnsinn – Zwischen Fußballalltag und fremder Kultur

Bildschirmfoto 2016-07-12 um 12.38.57Seit meiner Ankunft in China ist viel passiert. Mehr als einem Monat lebe ich schon im Land der Mitte. Ich muss gestehen, anfangs war es nicht leicht, sich in einer so fremden Kultur zurecht zu finden. Mit einer Fläche von über 8.000km2 übersteigt die Größe meines neuen Zuhauses auf Zeit die meiner Heimat Würzburg doch ein wenig …  Jinan ist nicht nur die Hauptstadt der Provinz Shandong, sondern auch ein Knotenpunkt der wichtigsten Bahnlinien in China – ruhig wird es hier also nie. Zum Glück sind die Menschen alle sehr offen und freundlich. Auch von den Spielern und dem gesamten Betreuerstab wurde ich sehr herzlich in Empfang genommen. Außerdem kommt Trainer Felix Magath bekanntlich auch aus Bayern und da fühle ich mich sofort ein bisschen heimisch am anderen Ende der Welt. Als Teil des medizinischen Betreuerteams bin ich praktisch permanent auf Achse und stehe den Fußballern vor und nach den Spielen jederzeit zur Verfügung.

Anhand des Heimspiel-Samstags möchte ich euch einen Einblick in meinen ganz normalen Wahnsinn geben. Dieser startete für mich, wie für den Rest des Teams, noch relativ entspannt um 8.00 Uhr morgens. Wenn die Mannschaft auswärts spielt, beginnt der Tag natürlich früher – falls die Anreise in die Stadt des Gegners nicht am Tag vor dem Spiel stattfindet. Am Samstag fuhren alle am frühen Vormittag zum Trainingsgelände des Vereins. Dort fand dann auch unser gemeinsames Mittagessen statt. Ich persönlich genieße solche Momente immer sehr. Dabei lerne ich die einzelnen Spieler und auch meine Kollegen noch besser kennen. Auch für das Teambuilding bringen solche Events meiner Ansicht nach manchmal größere Fortschritte als jedes Strategie-Meeting. Nach dem Essen führt mich mein Weg in den Massageraum. Vor einem großen Spiel wie diesem werden natürlich speziell nochmal die Spieler mit körperlichen Beschwerden behandelt. Eine lockere Muskulatur und das sie umgebende Fasziengewebe sind besonders wichtig für die Spieler, um voll beweglich zu sein und das Verletzungsrisiko zu minimieren. Anpfiff ist 19.35 Uhr Ortszeit, daher gibt es vor dem Aufbruch zum Spiel gegen 16 Uhr noch einmal eine kleine Stärkung und eine abschließende Besprechung in großer Runde. Nach der Ankunft im Stadion beginnt für die Fußballer die Aufwärmphase und für mich der Endspurt: letzte Behandlungen und Taping stehen auf dem Programm. Hier muss jeder Handgriff sitzen, damit ich mein Bestes zu einem reibungslosen Spielverlauf beitragen kann. Während des Spiels sitze ich auf der Tribüne und kann die Begegnung aus der Höhe verfolgen. Natürlich fiebere ich mit und freue mich über jedes Tor, trotzdem sind die folgenden 90 Minuten kein reines Freizeitvergnügen für mich. Ständig beobachte ich die einzelnen Mannschaftsmitglieder: Wessen Bewegungsabläufe sind stimmig, wie ist die individuelle Körperstatik bei Hereingaben, Abschlüssen oder auch in Zweikampfsituationen und welche möglichen Behandlungsschritte resultieren für mich aus dem Spielverlauf? Im Anschluss an das Spiel steht dann für mich noch die Nachsorge bei einzelnen Spielern an. Je nachdem, ob es Verletzungen gab, die direkt behandelt werden müssen, oder nur einzelne Muskelpartien einer Lockerung bedürfen, variiert der Zeitaufwand für mich sehr stark. Diesem Samstag konnte ich um 23.00 Uhr die Rückfahrt in mein Hotel antreten und hatte Sonntag, wie der Rest des Teams, meinen wohlverdienten Ruhetag.

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